| Frau
mit Handy
Nein, ich meine nicht die jungen Damen,
die plaudernd an uns vorbeihasten, den angewinkelten Arm handyhaltend
am Ohr. Auch nicht jene, die im Bus mit verklärtem Lächeln
auf ihr Handydisplay schauen und dann mit flinkem Daumen eine Antwort
simsen. Die haben hundert Telefonnummern gespeichert, klicken sich
blind zum Terminplan durch und kontrollieren die Frisur mit digitalem
Handyfoto. Aber wieviele Mütter haben wohl statt Blumen ein
Handy zum Muttertag bekommen – in der stillen Hoffnung, dass
Mutter nun immer erreichbar ist.
Das klappt nicht, liebe Kinder. Mütter
schalten das Handy aus. Sie benutzen es vielleicht einmal zum Telefonieren,
nicht aber um angerufen zu werden. Ich beklage das seit Jahren bei
Christel – und ich erfahre, dass es anderswo ebenso ist. Manchmal
ruft sie mich an, wenn ich unterwegs bin. Nicht immer drücke
ich gleich die Ruftaste – und weg ist sie wieder. Der Rückruf
meldet: Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Handy ausgeschaltet.
"Mich ruft doch sowieso keiner an", sagt sie, und was
die Mailbox ist: "Wenn jemand was von mir will, dann soll er
es direkt sagen." Wenn er könnte, liebe Christel! Der
aber – ich – steht da mit dem Rätsel: Was könnte
sie gewollt haben? Ist es wichtig? Braucht sie mich? Wirft sie mir
vielleicht sogar vor, dass ich nicht gleich rangegangen bin? "Wo
warst du, als ich dich brauchte?"
"Ich bin um kurz vor acht wieder
da", sagte sie gestern. Und schließlich war es kurz vor
neun, und sie war immer noch nicht da. Nicht, dass ich mir Sorgen
um sie machte – aber sie war mit meinem Auto unterwegs. Fünf
Minuten gab ich ihr noch, dann griff ich zum Handy. Schon während
die Nummer wählte, ärgerte ich mich darüber, dass
der Teilnehmer zur Zeit nicht erreichbar sein wird... Die Ansage
blieb aus, Christel war dran. "Wieso hast du dein Handy nicht
aus?" fragte ich. "Damit du mich erreichen kannst",
sagte sie. "Aber normaler Weise hast du es aus, und jetzt versaust
du mir auch noch den Ärger darüber", maulte ich.
"Ich bin gleich da", rief sie. "Wie telefonierst
du im Auto, dein Handy passt doch gar nicht in die Freisprecheinrichtung",
tadelte ich. "Okay, machen wir Schluss", sagte sie und
klick.
Dabei wollte ich sie bitten, noch ein
Sixpack von der Tankstelle mitzubringen. Ich drückte die Wahlwiederholung
– "...ist zur Zeit nicht erreichbar..." Das ideale
am Handy habe ich aus der Werbung gelernt: "Sie sind überall
und jederzeit erreichbar!" Christel nicht – und ich tröste
mich damit, dass sie nicht dauernd mit dem Handy am Ohr rumrennt,
Daumenbriefe schreibt, Fotos verschickt und bei meinem Blick auf
die Rechnung nachfragt: "Wolltest du nun eine moderne Frau
mit Handy oder nicht?"
…und noch 'ne Kolumne:
Standardfamilie
Was braucht Deutschland, um nicht auszusterben?
Es ist schon gesagt – auch schon von jedem. Aber keiner tut's.
Es genügt nicht, dass Frühling ist, es muss auch ein bisschen
PR darum gemacht werden. Es muss Sinn machen. Nicht einfach so,
weil nichts im Fernsehen läuft. Hier, jetzt, heute! Aber warum?
Was hab ich denn davon? Ja, so wird gefragt, Patriotismus ist nicht
mehr. Und Kinder als Rentensicherung glaubt dir keiner, der schon
auf dem Geburtsschein einen Hartz-IV-Stempel kriegt.
Nachdenklich bin ich erst geworden, als
ich mir den Tagesfahrschein vom SüdwestBus anschaute. Pauschaltarif
für den Tag – kannst Bus fahren, soviel du willst. Und
kostet weniger als die Hälfte von hin und zurück für
einen, und deine Frau kannst du auch noch mitnehmen, so als Gönner-Bonus.
Nochmal geguckt – es kommt noch besser: "Gültig
am Ausgabetag für zwei Erwachsene, drei zahlungsflichtige Kinder
und einen Hund."
Da freut man sich als familiäre
Zweierbeziehung schon gar nicht mehr über den billigen Ausflug.
Da zählt doch viel heftiger, was man ausgelassen hat! Drei
Kinder und einen Hund hätten wir noch von Wildbad nach Freudenstadt
und zurück nehmen können – alles auf dem selben
Ticket! Ja, da wär' doch blöd, wer das nicht ausnutzt.
Mehr kann man doch gar nicht sparen, wo der Benzinpreis schon wieder
hoch geht.
Da hat sich tatsächlich ein besorgter
Nahverkehrsexperte fruchtbare Gedanken um die deutsche Tagesticket-Standardfamilie
gemacht. Und ist es nicht rührend, dass auch der Hund zur Familie
gehört? Nein, das ist der eigentliche symbolische Kern der
Misere – und sie sitzt real vor uns: Zwei Erwachsene, ein
Hund, keine Kinder.
Die deutsche Familie ist auf den Hund
gekommen!
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